Freitag, 19. April 2019

Endometrium - Revisited


Krebs


Am 11. April wäre meine Mutter 76 Jahre alt geworden. Sie ist 2009 gestorben - an Eierstockkrebs. Mit dem Tod meiner Mutter wurde ich sterblich. Da war ich Ende dreißig.

Ich hatte mir immer vorgestellt, dass der Tod meiner Mutter das Schlimmste sein würde, was mir passieren kann. Und das war er auch, glaube ich. Darum bin ich zwischendurch immer mal wieder erstaunt, dass ich den Tod meiner Mutter überlebt habe. Gleichwohl nicht ohne immer und ewig bleibende Blessuren.

Im Sommer 2009 habe ich quasi im Universitätsklinikum Eppendorf gewohnt. Meine Mutter wurde mit Nebenwirkungen ihrer zweiten Chemo eingeliefert und verstarb dort zweieinhalb Monate später. Streng genommen nicht am Krebs. Sondern an einer Lungenentzündung.

Ich schlief in den letzten Tagen bei ihr auf der Palliativstation, aber in den Wochen davor pendelte ich zwischen Eppendorf und Reinbek, einem Vorort, in dem ich damals wohnte, und wo der Kater darauf wartete, Futter und etwas Aufmerksamkeit zu bekommen. Manchmal fuhr ich mehrmals am Tag hin und her. Ich schleppte Obst und Blumen aus ihrem Garten und frische Kleidung und Kosmetika und Fotoalben ins Krankenhaus. Die Fotoalben wünschte sie sich, vermutlich, um Bilanz zu ziehen. Und ich rannte und fuhr wie betäubt immer über die gleichen, schweren Wege. Und hatte bald Angst, sie nicht mehr lebend vorzufinden, wenn ich zu lange wegblieb.

Ich habe ein paar Male eine Kamera laufen lassen, als ich das Krankenhaus verließ oder dort wieder ankam. Obwohl die Zeit fürchterlich war, wollte ich auf keinen Fall vergessen, wie es war. Die Clips kommen jetzt zum Einsatz, weil ich offenbar mit meiner Verarbeitung am richtigen Punkt angekommen bin. Und ja, das Video beschreibt in seiner Zähigkeit und Wackeligkeit die quälerischen Tage ziemlich gut.



Krebsvorstufe


2012 habe ich hier auf dem Blog ein Bild von einem blutigen Stückchen meines Endometriums ( meiner Gebärmutterschleimhaut) gepostet. Das gefiel einigen Leserinnen damals nicht besonders, aber ich war ja noch nie kleinlich, wenn es um die Preisgabe von Dingen geht, die aus meiner Sicht eben Beides sind: privat, aber auch politisch. Heute freue ich mich regelrecht, dass ich meiner Gebärmutterschleimhaut ein wenig Raum im Internet gegeben habe, denn mittlerweile habe ich keine mehr.

Die Beschäftigung mit den Organen meines Unterleibes kam nicht von ungefähr. Ich war offenkundig durch die Geschichte meiner Mutter traumatisiert und gleichzeitig froh, nicht von eben jenem Unterleib schon längst getötet worden zu sein. Da ich vor dem Ableben meiner Mutter unsterblich gewesen war, hatte ich konsequenterweise auch auf regelmäßige gynäkologische Sicherheitsüberprüfungen verzichtet. Überhaupt war ich nur in absoluten Notfällen in Wartezimmern anzutreffen. Ich hatte keine Zeit und keine Lust, und als ich dann aufgescheucht durch die Erkrankung meiner Mutter damit begann, regelmäßige Untersuchungen machen zu lassen, brach natürlich, wie hätte es auch anders sein können, die Hölle über mich herein.

Denn es stellte sich heraus, dass mein Unterleib, so wie mein ganzer Körper, aus medizinischer Sicht, nicht regelrecht war. Er hatte ständig Zysten an den Eierstöcken und immer wieder eine viel zu hoch aufgebaute Gebärmutterschleimhaut. Mein Wiedereinstieg in das Vorsorgekarussell war der Startschuss für ein Jahrzehnt voll ständiger Überwachung, Diagnostik und (vielleicht irrationaler aber dennoch unbezwingbarer) Todesangst. Ausschabungen, Bluttests und Bauchspiegelungen sowie die Entnahme eines Eierstockes, um ihn besser unters Mikroskop legen zu können - ich ließ nichts aus. All das und alles immer mit dem Aktenvermerk der familiären Vorbelastung.

Allerdings war nie was. 

Bis zum März dieses Jahres, als in meinem Endometrium atypische Zellen gefunden wurden. Also quasi eine Krebsvorstufe. Etwas, das vielleicht bösartig werden könnte. Die Ärztin, die die Abrasio im UKE vorgenommen hatte, hatte mir gesagt, alles sähe normal aus, und ich würde den histologischen Befund per Post bekommen, es sei denn, irgendetwas Ernstes liege vor. Dann würde sie mich anrufen. Aber davon ginge sie ja nun wirklich nicht aus...

Und dann rief sie an, und ich war nicht zu Hause. 

Es war, als sähe ich mich selbst in einem Film. Während ich ihre Nachricht abhörte und dann versuchte, sie zurückzurufen, warf ich mit zittrigen Händen Dinge um und fing an zu schluchzen, als ich sie nicht erreichte und stattdessen in der Warteschleife gefangen war. Ich war erledigt. Ich war mir absolut sicher, dass meine familiäre Vorbelastung mich jetzt nach all den Jahren der Panik tatsächlich eingeholt hatte. Und in meinem Testament stand noch immer meine Mutter als Erbin! Ich war nicht vorbereitet. Und ich hatte noch so viel auf meiner Bucket List. Ich redete laut und verheult auf das Personal der Gynäkologie ein, als ich endlich verbunden wurde und bekam so vermutlich die Sonderbehandlung einer Nachricht direkt aus dem OP, in dem meine Ärztin gerade stand und arbeitete: Alles nicht tragisch, aber muss gemacht werden.

Nun habe ich also keine Gebärmutter mehr. Ich habe sie in dem Krankenhaus gelassen, in dem ich meine Mutter verloren habe. Ich lag auf derselben Station, wie sie zunächst auch. Vielleicht sogar im selben Zimmer - daran erinnere ich mich nicht. Vielleicht war es auch das daneben. Der Weg auf die Station war wieder schwer. Als ich mit meinem Rollköfferchen an den Geschäften auf dem sogenannten "Boulevard" vorbeischepperte, musste ich ein wenig weinen. Außerdem wurde mir schwindlig und ich schlingerte so vor mich hin. Die Entscheidung für das Krankenhaus war übrigens dennoch eine Bewusste. Ich halte die Versorgung dort trotz allem noch immer für die sicherste, die man hier in Hamburg bekommen kann.

Ab jetzt wird es nach einem Jahrzehnt der Angst vermutlich ruhiger werden. Ich habe zwei Gründe zur Sorge weniger, denn der Eileiter zum verbleibenden Eierstock ist auch entfernt worden. Offenbar legt die aktuelle Forschung nahe, dass Eierstockkrebs im Eileiter beginnt und nicht im Eierstock selbst. Meine Mutter hatte auch mit Mitte vierzig eine Hysterektomie. Hätte man damals die Eileiter nicht stehenlassen, wäre sie womöglich noch hier. Es bringt nichts, sich mit solchen Überlegungen zu belasten - ich weiß. Ich habe eben Glück, dass ich erst heute 47 bin.

Oder schon 47. Über die Lebensmitte hinaus. Und mit einer Bucket List (Liste der Dinge, die frau vor ihrem Tod erleben und erledigen will) bis in den Himmel. Man könnte meinen, dass ich mich, nachdem das Theater mit meiner Gebärmutter nun ein gutes Ende gefunden hat, jetzt endlich mit frischem Mut sogleich an die Abarbeitung der Punkte auf eben jener Liste machen sollte. Aber ich fühle mich noch immer ein wenig betäubt. So, wie man nach dem Abschluss großer und anstrengender Projekte mitunter erst einmal ein wenig orientierungslos ist. Auch will ich mir nicht gleich schon wieder neue Sorgen machen - Sorgen, dass ich einfach nicht genug aus meinem Leben mache.

Und so schließe ich einfach mit Kylie Minogues "Dancing". Es ist vielleicht ein wenig kitschig, aber es scheint mir nicht unpassend. Das Wortspiel "I wanna go out dancing" (Ich will tanzen gehen oder Ich will tanzend sterben) hat es mir angetan - besonders auch vor dem Hintergrund, dass Kylie Minogue selbst Krebserfahrung hat.


Blick von meinem Bett im UKE - April 2019

Nachtwanderung durch die Station - UKE April 2019

UKE 2009

Das Zimmer meiner Mutter - UKE 2009

Auf dem Weg nach Hause vom UKE 2009

Meine Mutter nach ihrer Chemotherapie

NH

Samstag, 9. Februar 2019

Die allerletzte Presseschau: Barbara Schöneberger und der Fatsuit

Dumm gelaufen...

Die Frau Schöneberger trägt auf dem aktuellen Cover der nach ihr benannten Frauenzeitschrift einen Fatsuit. Etwas lappig, in leicht glänzender Hautfarbe mit pinkfarbenen Brustwarzen auf den tief sitzenden Stoffbrüsten. Am Ende des Hefts gibt es dann ein Bild des leeren Fatsuits, also eines dicken, künstlichen Körpers ohne Kopf, Füße und Hände. Weil die Frau Schöneberger ja nicht wirklich dick ist, und das Publikum nur zur Sicherheit (und zum millionsten Mal) darauf hinweisen musste.

In einem von der Frau Schöneberger zusätzlich auf Instagram veröffentlichten Video ist sie zu sehen, wie sie sich mit dem Fatsuit bekleidet eine Servierschüssel schnappt und den Inhalt mit einem großen Löffel in sich hineinschaufelt. Und dann muss sie ganz doll kichern und versichert, sie habe nichts gegen Dicke.

Wie anstößig und daneben, aber auch, wie vielsagend das alles ist, muss nicht erklärt werden. Und wo es doch erklärt werden muss, da sollte frau sich nicht niederlassen.

Ich habe überhaupt nur etwas von der Sache mitbekommen, weil Magda Albrecht in der März-Ausgabe des Magazins Barbara einen Artikel über Selbstakzeptanz veröffentlicht hat, und hinterher bei der Mädchenmannschaft einräumen musste, dass sie offenbar ihre Hausaufgaben vorher nicht gemacht hatte.

Angeblich hatte sie das Desaster nicht vorhersehen können, obwohl sie "ehrlicherweise nichts anderes erwartet hat". Häh? Wie jetzt? Sie hatte also (k)eine Ahnung, mit wem sie sich da einließ? Alle waren "cool"schreibt sie in ihrer entsetzten Stellungnahme. Und viel bezahlt haben sie für den Artikel auch. Da kann doch keiner auf die Idee kommen (wollen), dass die womöglich überhaupt nichts Gutes im Schilde führen, oder?

Erkenne deine Feindin

Und mich hat natürlich mal wieder keine gefragt. Denn dass das Magazin der Moderatorin Barbara Schöneberger bereits seit den ersten Ausgaben im Wesentlichen ein Zeugnis ihrer eigenen Ess- und Körperbildstörung ist, lag auf der Hand. Vor genau einem Jahr, also für die Märzausgabe 2018, stand auf dem Cover das Wort "Mampf" und die Frau Schöneberger hatte Kuchen im Haar, in der Faust und überall um sich herum. Sie schwamm in Kuchen und die Titelgeschichte lautete: "Aber bitte mit Sahne - Gerade sind wieder alle auf Diät. Da machen wir nicht mit, oder? Ein Heft über sinnlosen Figurwahnsinn und heiß geliebte Fressorgien."

Wenn man sich am (gelegentlichen) "Fressen-dürfen" in regelmäßigen Abständen so abarbeitet, wie andere Frauenzeitschriften an Gewichtsverlust und Diäten und gleichzeitig immer Witze über "Hüftgold" machen muss, dann ist das nicht Body Positivity oder Fettakzeptanz. Dann stimmt da was nicht. Dann hat man ein gravierendes Problem, in das man andere aber nicht unter dem Deckmantel der "Alle-sind-irgendwie-auch-schön-Bewegung" mit hineinziehen sollte. Das ist nicht nur kein Dienst an der Leserinnenschaft, es ist schlicht und ergreifend schon wieder unredlich. Ohnehin ist die ständige Verknüpfung vom großen Fressgenuss mit Dicksein echt nur noch zum Kotzen.

Die Frau Schöneberger befindet sich im ständigen Krieg mit ihrem Aussehen, und weil sich der so gut verkauft, auch und neuerdings ja gerade in der halbherzigen Leugnungsversion, kann sie ihn nun bereits seit Jahren mit Hilfe einer ganzen Redaktion öffentlich und für Geld austragen. Und natürlich, wie sollte es auch anders sein, am Ende mal wieder auf Kosten ihrer Leserinnen, d.h. auf Kosten anderer Frauen.

Das betrügerische Getue, diätfrei zu sein, ohne es jemals gewesen zu sein, das ewige Herumreiten auf der unfairen Notwendigkeit, schön zu sein und das manische Oszillieren zwischen kuscheliger Selbstherabsetzung und unaufrichtigem, aufgescheuchtem, orientierungslosem Toleranzgebaren und Fressorgien hätten der nach eigener Aussage medienerfahrenen Fettaktivistin Magda Albrecht ja eigentlich schon als Wegweiser dienen können. Aber vielleicht sieht man etwas nicht, wenn es schlicht zu nah an einem dran ist.

Wie hätte z.B. das "super-professionelle und herzliche Team" (Magda Ablrecht) der Barbara denn eigentlich wissen sollen, dass Magda Albrecht und lustige Fatsuits auf dem Cover nicht so richtig zusammenpassen? Magda Albrecht tut doch in ihrem Buch (Fa(t)shionista) genau dieses: Sie kokettiert mit ihrem angeblich ewigen Hunger und macht ihren eigenen Körper immer wieder mit milder, lustig gemeinter Missbilligung und "Offenheit" über ihr schwieriges Verhältnis zu eben jenem Körper runter. Das soll vielleicht authentisch wirken, weil sie damit signalisiert, dass sie sich wie jede andere "normale" Frau, also Nicht-Aktivistin und Nicht-Autorin, nur sehr schwer von Schönheitsnormen abgrenzen kann.

Am Ende kommt es aber leider nur genauso larmoyant rüber, wie das Gejammer über ihren offenkundigen Aktivismus-Burnout, das der Erfahrung mit der Fatsuit-Barbara folgt: "Ich war zwar hochgradig genervt, stellte mir aber die Frage, die ich mir in den letzten Jahren immer öfter stelle: Was bringt es, wenn wir uns immer und immer und immer wieder über Dinge aufregen?" Dabei ist das, was ihr jetzt mit der Barbara passiert ist, ist genau das, was passieren muss, wenn man glaubt, es sei legitim, im Umgang mit der Öffentlichkeit immer wieder auf Witzeleien, Augenzwinkerei und Versöhnlichkeit zu setzen, wenn es aber eigentlich um den eigenen Körper und seine ständige Missachtung durch diese Öffentlichkeit geht. Selbst im Artikel in der Barbara schreibt sie noch von "übergewichtigen Moppeln" (S. 54) und spürt den glitschigen Boden unter sich scheinbar überhaupt nicht.

Und das hier ist dann auch noch passiert...

Wenn es dann um das Erheischen männlicher Validierung geht, steht die fröhlich-freie Fresserei übrigens plötzlich überhaupt nicht mehr an erster Stelle, denn, so instruiert uns die Frau Schöneberger im Editorial zur aktuellen Fatsuit-Ausgabe: "Wenn Sie also einen neuen Partner blenden wollen, dann ist beim ersten Date nicht so wichtig, was Sie zum Essen auftischen, sondern die perfekte Lichtsituation bringt den Abschuss! Merke: 20 Kerzen machen zehn Jahre jünger und zehn Kilogramm schlanker!" (Anm. d. Dicken Dame: Allein die Vorstellung, dass Frauen im Jahre 2019 Männer beim ersten Date bekochen...aber geschenkt.)

Ach, und hatte ich erwähnt, dass die Frau Huber von der Brigitte auch in der Chefredaktion der Barbara verantwortlich zeichnet? I know, right?

NH

MOST COMMENTS WELCOME! : )

Donnerstag, 10. Januar 2019

Wie wir wurden, was wir waren: Die letzte Brigitte-Diät

Helga Köster: Brigitte Diät, Bertelsmann, 1974

Die Brigitte-Diät ist jetzt 50 Jahre alt. Das kecke, ausklappbare Cover des Jubiläumshefts mit nackter, hausbacken-harmloser Frau darauf hat mithin passend auch die Ästhetik eines Siebzigerjahre-Softpornos. Angeblich hat sich die Brigitte-Diät neu erfunden. Soll heißen, sie kommt jetzt mit Meditation als allererster "Säule" daher. Und mit einer App, die sich als Lockangebot für ein Abo beim Unternehmen Balloon entpuppt, das mit Brigitte-Rabatt im ersten Jahr ab 5 Euro im Monat zu haben ist. Es ist ein wahrlich mehr als verzweifelter Versuch einer Neuerfindung.

Ansonsten, soweit ich das überblicken konnte, ist alles eigentlich wie 1974. Heute wie damals besteht die Diät aus idiotisch lebensfern aufwendigen Rezepten für Minimalzeiten, die höchstens 500 Kalorien haben dürfen. Für zwei Portionen des "Be-Fit-Snacks" (ja, so heißt das Rezept - Facepalm) braucht man: 3 Bio-Eier Größe M, 2 EL geriebenen Parmesan, 50 g körnigen Frischkäse, gemahlenen, bunten Pfeffer, Salz, 2 EL gehackte Lauchzwiebeln, 2TL Olivenöl, 1 EL Butter, 2 Scheiben Brigitte Balance Brot mit Urgetreidesprossen (und das hier ist noch immer keine Satire), 2 "geputzte" Salatblätter und 60 g Gemüse-Antipasti aus dem Glas. Ergibt 375 Kalorien pro Portion. Da lobe ich mir doch fast den "Gegrillten Hummer mit gebackener Kartoffel von 1974. Dafür benötigte man nur 250 g Hummer im Stück, Salz, Pfeffer, 1 EL Öl, 1/2 TL Senf, 2 EL Buttermilch, Petersilie, Zitronenscheiben, Salatblätter und eine große Kartoffel. Und der ganze Kram hatte dann nur 300 Kalorien.

Ach ja, was soll frau von der Frau Huber nun auch noch groß erwarten? Sie ist so bieder wie die Klopapierrolle auf der Hutablage, farblos, nur mäßig bei der Sache (der Frauen) und ganz offenkundig nicht die hellste Kerze auf der Torte. Diejenigen, die sie 2013 zur alleinigen Chefredakteurin des sinkenden Schiffes gemacht haben, hätten es eigentlich kommen sehen müssen. Seit 2009 ist sie Mitglied der Chefredaktion der Brigitte und hat in ihrem schicken Eckbüro mit Elbblick im Angesicht der Digitalisierung selbstverständlich nicht verhindern können, dass die verkaufte Auflage des Magazins von 687.456 Exemplaren im dritten Quartal des Jahres 2010 auf 372.101 im dritten Quartal 2018 gesunken ist. 2013 waren es im zweiten Quartal übrigens noch 563.000 Exemplare. Sie hat sich auf ihrem sinkenden Kahn aber auch zu keiner Zeit getraut, alle Bedenken in den Wind zu schlagen und jetzt auf den letzten Metern, auf denen es ohnehin nicht mehr groß darauf ankommt, wenigstens endlich mal für ihre lesenden Schwestern und nicht gegen sie zu arbeiten - egal, ob das für die Auflage gut ist, oder nicht. Dafür fehlen ihr natürlich gänzlich Überzeugung und das Bewusstsein. Und bei Sätzen, wie diesem, fragt man sich, ob sie überhaupt noch bei Bewusstsein ist: "(Die Brigitte-Diät) ermöglichte es der ersten Frauengeneration nach dem Krieg, ihre Figur und damit auch sich selbst zu verändern, um ein paar Pfund erleichtert mit neuem Selbstbewusstsein aus der festgelegten Rolle des Heimchens am Herd herauszutreten." (Brigitte, Nr. 2, 2.1.2019)

Wenn man ihr Editorial zu 50 Jahren Brigitte-Diät liest, weiß man nicht, ob man vor Zorn oder Entsetzen platzen soll. Es ist mir nicht klar, wie sehr man sich selbst und seine Leserinnen verachten muss, um beim letzten Aufbäumen auf so kleinem Raum so viel toxische Dummheit und unverschämte geschichtliche Umdeutung zu verspritzen. In der Einleitung der Frau Huber, sowie im hinteren Teil des Blattes wird die Expertise eines Herrn Prof. Dr. Christoph Klotter von der Hochschule Fulda mehrfach bemüht, um die Herleitung Diät = Gleichberechtigung zu unterfüttern. Der bezeichnet die Brigitte-Diät nicht nur brav und zitierfähig als "ein Zeichen von Aufbruch und Emanzipation" (S.5), sondern gar als "Neustart" nach dem Schock der Naziherrschaft und versteigt sich später dann noch zu der verblüffenden Formulierung, das "Umsetzen der Brigitte-Diät" sei "also mit einer Kriegserklärung an das männliche Geschlecht verbunden" gewesen (S. 103). Die Kühnheit, mit der hier grober Unfug behauptet wird, ist beeindruckend, aber natürlich auch ausgesprochen frustrierend. Eigentlich würde man denken, dass ein Hinweis auf all die Diäten, die vor der Brigitte-Diät auch schon vermarktet worden sind, nicht wirklich notwendig ist. Das Ringen meiner Mutter um den Taillenumfang einer Elizabeth Taylor in den Fünfzigern geschah auch mithilfe einer Diät - und nicht einmal der wackere Herr Klotter vom wissenschaftlichen Beirat der Brigitte würde vermutlich noch den Nerv haben, hier allen Ernstes zu vermuten, dass es sich bei diesem Projekt um die emanzipatorische Rückeroberung der Selbstbestimmung über den eigenen Körper nach dem Ende der Nazidiktatur gehandelt haben könnte. Vom Körperkult der Nazis wollen wir hier erst lieber gar nicht anfangen - dann erholen wir uns nie mehr. Zur Sicherheit sei aber noch einmal festgehalten: Der Austausch eines Körperformkontrollsystems gegen ein anderes befreit einen logischerweise nicht von der einschränkenden und schwächenden Kontrolle selbst. Die Brigitte-Diät hat Frauen selbstverständlich niemals die Kontrolle über ihre Körper "zurückgegeben", sondern sie im Gegenteil seit Jahrzehnten erfolgreich weiterhin davon überzeugt, dass ihre Körper kontrolliert werden müssen, und die Markteinführung der Brigitte-Diät vor 50 Jahren wäre damit eigentlich eher als ein Backlash-Symptom zu bewerten (was sie bis heute geblieben ist) in einer Zeit, in der einige Frauen in der Tat um Gleichstellung kämpften (Alice Schwarzer) und andere leider eher nicht (Brigitte).

Man muss schon aus ziemlich perfidem und billigem Holz gemacht sein, um der eigenen Leserinnenschaft erzählen zu wollen, Entstehung und Entwicklung der Frauenbewegung stünden in engem Bündnis mit der Anfang der Siebziger endlich durch die Brigitte-Diät erlangten "Erlaubnis", sich eigenständig dünn zu hungern. Vor allem dann, wenn man es doch wirklich besser zu wissen scheint: In einem Artikel des Tagesspiegels vom 11.01.2018 wird der Herr Klotter nämlich so zitiert: "Diäten sind der ideale Einstieg in eine Essstörung."

Ich bin sicher, ich habe bereits mehrmals erwähnt, dass ich mit der Brigitte und ihrer Diät buchstäblich aufgewachsen bin? In der Tat sind wir zusammen aufgewachsen. Ich bin Jahrgang 1971. Die Diät offenbar nur drei Jahre älter. Meine Mutter war eine Leserin der Zeitschrift, so lange ich denken kann. Und das konnte ich bereits sehr früh. Meine erste Diät machte ich auch früh - regelmäßige Leserinnen wissen es bereits: Ich wurde von meiner Brigitte-lesenden und selbst, wenn auch schlanken, immer mal wieder diätelnden Mutter mit drei Jahren zum ersten Mal dazu verdonnert, einen kalorienreduzierten Ernährungsplan einzuhalten. Meine Mutter war keine Feministin. Ihr Kind schon. Das gab bald eine Menge Streit und Unbehagen angesichts meiner vermeintlichen Radikalität, besonders am Anfang. Dann, irgendwann später, kam mehr und mehr Zustimmung. Man mag es für Kleinkram halten, aber ein symbolischer Schritt auf dem Weg zur eigenen Emanzipation war für meine Mutter die Kündigung des Brigitte-Abos. Da war sie schon über sechzig, und hatte nach eigenen Angaben "endgültig genug von den Weihnachtsplätzchen und dem ganzen Quatsch".

Die oben abgebildete Ausgabe der Brigitte-Diät von 1974 habe ich vor einiger Zeit auf dem Flohmarkt gefunden - es nicht das Original aus unserem Haushalt, mit der ich als Kind tyrannisiert worden bin. Das ist irgendwann irgendwo verschwunden. Als ich jetzt hineinsah und feststellte, wie biestig und fettphobisch das Büchlein tatsächlich ist, wurde mir umso klarer, dass ich in einer Atmosphäre und Umgebung, in der über mich als vermeintlich dickes Mädchen so gedacht wurde, nie eine echte Chance auf Normalität oder angemessenen Respekt hatte.

"Jeder fünfte ist viel zu fett. (...) Noch nie wurden so viele Selbstmorde mit Messer und Gabel begangen wie heute." (S. 7)

"Viele dicke Mütter nötigen ihre Kinder zum Essen. (...) Diese überfütterten Kinder werden dick und neigen auch als Erwachsene zu chronischer Freßlust." (S. 9)

"Kaufen Sie nichts Neues (keine neuen Kleider) - erst wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 24)

"Pflegen Sie Ihr Gesicht (...) während der Kur besonders sorgfältig. Damit Sie auch wirklich schön sind, wenn Sie Ihre Traumfigur erreicht haben." (S. 25)

"Lassen Sie sich nicht beirren, wenn Sie eine Abmagerungskur nötig haben." (S. 25)

"Kleben Sie das schlimmste Foto aus Ihrer "schwersten Zeit" sichtbar an den Kühlschrank. Bei diesem Anblick zuckt Ihre Hand - hoffentlich - sofort zurück!" (S. 26)

" (...) sündigen Sie trotz besseren Wissens (...), dann bestrafen Sie sich für diesen Fehltritt mit einer empfindlichen Spende in den Bauch Ihres Sparschweins," (S. 26)

"Heben Sie wenigstens ein Kleid (...) auf, in (das) Sie vor der Kur gepasst haben. (...) Am Ende der Kur, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben, sollten Sie sich in diesem Kleidungsstück im Familienkreis vorstellen. Das Gelächter dürfen Sie ruhig als neidlose Anerkennung werten." (S. 27)

"In Gesellschaft lässt es sich leichter hungern." (S. 29)

"Sahnetorten und Süßigkeiten sind auch in Zukunft Ihre ärgsten Feinde." (S. 34)

Was habe ich sonst noch zu 50 Jahren Brigitte-Diät zu sagen? Ach ja...

Nicht nur danke für nichts. Ich wünschte es wäre so. Aber ich verdanke der Brigitte und ihrer Diät in der Tat eine ganze Menge: Danke für vierzig Lebensjahre, die bestimmt waren von Selbsthass, Depressionen, Misshandlung des eigenen Körpers, durch Diäten und Selbstverachtung geraubte Energie, ein zerstörtes Selbstbild, ein aufgeschobenes Leben, Sommer ohne Besuche im Schwimmbad, den Wunsch, in der Öffentlichkeit unsichtbar zu sein, Schuldgefühle, Selbstbestrafung, verpasste Lebenschancen, weil der Mut und das Selbstbewusstsein schlicht fehlten, Ohnmachten in der S-Bahn vor Hunger, Erschöpfung, Freudlosigkeit, Einsamkeit und nicht zuletzt - eine in weiten Teilen komplett versaute Kindheit und Jugend. Danke, danke, danke ihr schlicht gestrickten Verräterinnen (die ihr immer wart und noch immer seid).


NH

Sonntag, 23. Dezember 2018

Fröhliche Feiertage!

Diese Karte kommt von hier. 
So, nun ist das Jahr schlicht rum. Ich hoffe, dass alle, die gern eine Karte zum Fest bekommen wollten, auch eine erreicht hat. Sollte jemand nichts mehr gehört haben, tut es mir sehr leid. Entweder waren die Karten alle, oder ich zu zerstreut. So oder so hoffe ich, ich kann euch auf diesem Wege noch alles Liebe und Gute für die kommenden Tage wünschen - und natürlich auf das Jahr, das auf der anderen Seite schon auf uns wartet.

In diesem Sinne,
Eure Nicola

Donnerstag, 8. November 2018

Follow me around 59: Nur noch schlafen

Ja, es ist (fast) schon (wieder) Weihnachten.

Das Jahr war schwer. Von einem "annus horribiles" mag ich nicht unbedingt sprechen, denn ich bin ja nicht die Queen. Und es ist nicht 1992. Aber so ähnlich war die Gefühlslage zwischenzeitlich schon. 

Wenn ich mich mir selbst vorstelle, sehe ich mir immer dabei zu, wie ich mit einem keifenden und wild um sich grabschenden Burnout im Einkaufswagen in einer endlos langen Schlange stehe. Mein Burnout ist also buchstäblich "aufgeschoben", während mein Tinnitus so laut ist, wie nie. Er vermischt sich nachts mit dem Schnarren der Luftwärmepumpe, die (wie sollte es auch anders sein) natürlich direkt neben den neuen, obszönen Bunker (ich berichtete) gestellt worden ist. Sozusagen als krönende, billige Cocktailkirsche in der bieder-rücksichtslosen Steinwüste. Wie der Besitzer des Horrorkastens selbst sowie dessen eigene MieterInnen direkt neben der absurden Maschine schlafen können, ist mir ein Rätsel. Aber nun bedarf es natürlich so oder so einer ausgeprägten Stumpfheit, um überhaupt freiwillig und für relativ viel Geld in eine solche Wohnumgebung zu ziehen. Ich müsste einen Anwalt beauftragen. Allein, ich habe, zumindest im Augenblick, nicht die Energie.

Das Ende, zumindest des Jahres, ist in Sicht. Und ich habe mich früher als sonst dazu entschlossen, meinen alljährlichen Fragebogen auszufüllen. Weil ich, irgendwie, mit allem fertig werden will. Es ist noch viel auf der Liste, und ich will sie nicht mit ins neue Jahr nehmen. Das soll nämlich bitte besser und überschaubarer werden.

Bevor ich zum Fragebogen komme wäre da noch dieses:

Weihnachtliche Schneckenpost, die Dritte.

Nein, die Weihnachtskarten sind noch immer nicht alle aufgebraucht. Ja, es gibt noch immer z.T. regelrecht kuriose Restbestände. Sie kamen beim fortlaufenden Aufräumen abermals aus ihren Ecken gekrochen. Weil ich aufgrund meiner verflixt komplizierten Persönlichkeitsstruktur bekannterweise nach wie vor echte Schwierigkeiten damit habe, sie einfach zu entsorgen, aber in Zukunft so gut wie keine Weihnachtskarten mehr verschicken will, weil ich selbst auch kaum noch welche erhalte, nehme ich nun den dritten Anlauf, mich ein für alle Mal im Guten von den Vorräten zu trennen. Diesmal wird allerdings auch kein Nachschub mehr gekauft, wenn die Karten nicht für alle reichen sollten.

Wer in diesem Jahr zu den Feiertagen noch einmal (und zum letzten Mal) eine Karte bekommen will, kann mir bis zum 1. Dezember 2018 (einschließlich) seine Adresse schicken, und zwar an office(at)nicola-hinz.com oder über das Kontaktformular oben rechts. Da ich Eure Postadressen (wie versprochen) beim letzten Mal nicht gespeichert habe, nennt sie mir bitte auf jeden Fall noch einmal in Eurer Mail. 

Der Fragebogen 2018

Ich fülle ihn seit 2011 aus. Die Fragestellung variiert von Jahr zu Jahr, aber nur ein wenig.
Für die, die gern vergleichen - die Antworten von 2017 findet ihr hier,  von 2016 hier und die aus den Jahren davor, hier.


1. Auf einer Skala von 1 bis 10, wie war Dein Jahr? 4 bis 5. 

2. Zugenommen oder abgenommen? Erst zugenommen. Dann wieder abgenommen. Alles ohne Absicht.

3. Was war das beste Buch? Ich habe so gut wie nichts gelesen - bis auf die Bücher, die hier rezensiert worden sind. Das war bekanntlich kein Vergnügen. Jetzt lese ich gerade Die Stunde der Waage. Ja, das ist mein eigenes Diät-Buch von 2006. Und ich hatte wirklich überhaupt gar keine Ahnung mehr, was darin alles Fürchterliches zu finden sein würde. Wenn ich fertig bin, schreibe ich eine Kritik. 

4. Mehr Geld oder weniger? Weniger, glaube ich.

5. Mehr Blogleserinnen, oder weniger? Ihr werdet im Schnitt immer noch ein paar mehr. Freut mich natürlich sehr.

6. Was war der beste Film, den du 2018 gelesen hast? Lady in the Van mit Maggie Smith nach einer wahren Geschichte vom Autor Alan Bennett. 

7. Dieses Jahr etwas gewonnen und wenn, was? Nichts.

8. Mehr bewegt oder weniger? Weniger. Keine Zeit. Keinen Mumm. Schmerzen.

9. Die teuerste Anschaffung: Ich habe 2018 nichts Teures angeschafft. Und "teuer" ist bekanntlich relativ. Auf jeden Fall gab es bei mir aber definitiv keine Einzelanschaffung über 50 Euro und insgesamt wurde für meine Verhältnisse ohnehin sehr wenig eingekauft. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich eigens ins Geschäft gehen, um Shampoo zu erwerben, weil ich keins mehr in Reserve hatte. Lagerhaltung aus Angst, im Alltag plötzlich ohne etwas Notwendiges dazustehen, verstopft einer Packratte wie mir ja gern mal die Schränke. Bei mir sind die Vorräte im Bad jetzt allerdings aufgebraucht. Im Prinzip ist das gut. Ich habe noch immer zu viel Gerümpel und Konsumverzicht ist ein lang gehegtes Ziel. Nur erzwungenermaßen ist er eben manchmal nicht mehr ganz so lustig.

10. Das Beste, was du 2018 gegessen hast: Ich habe ja noch immer das Glück, regelmäßig bekocht zu werden. Der Bratreis ist immer ein ganz besonderes Highlight.

11. Das schönste Geschenk: Ein Bilderbuch vom Flohmarkt: Ein Jahr mit Familie Maus. Oliver hatte den Auftrag, bei seinem Rundgang nach Mäusen, die Kleider tragen und in Baumstümpfen mit Blumenkästen vor den Fenstern wohnen, Ausschau zu halten. Und er kam prompt mit welchen zurück.



12. Lieblingslied 2017?: Seventeen von Janis Ian

13. Die meiste Zeit wo verbracht? Gefühlt wieder im Stau.

14. Die größte Enttäuschung: Dass das wahre Leben einen mit seinen Grässlichkeiten doch immer wieder aufspürt und einholt. Manchmal mit ungeahnter Wucht. Und dass Sartre noch immer und immer wieder Recht hat: "Die Hölle, das sind die anderen."

15. Die beste Investition: Ein Eichhörnchen auf einem weihnachtlich geschmückten Fahrrad. In den Korb vorn am Lenker kann man ein Teelicht stellen.

16. Die wichtigste Erkenntnis: Die anderen sind auch nicht viel schneller.

17. Was machst du zu Weihnachten? Natürlich: Kartoffelsalat und Michel in der Suppenschüssel. Dann Weihnachtsbesuch bei der Familie (nicht meine, seine). Haben wir letztes Jahr schon überstanden. Werden wir dann diesmal wohl auch.

18. Was wünschst du dir für das kommende Jahr? Ruhe und Frieden.

19. Was ist dein wichtigstes Ziel für 2018: Ordnung und Gesundheit.

20. Und was jetzt? Schlafen. So viel, wie möglich. Für alle, die es auch so dringend brauchen können: Ich wünsche euch Nerven aus Stahl und viel Kraft - und ansonsten, wie auch im letzten Jahr:



HAPPY EVERYTHING!




NH